Seit 1979 zeichne ich auf archäologischen Ausgrabungen. Nach Abstechern in die Römerzeit in Deutschland, führte mich meine Liebe zum Orient rasch in dessen Gefilde.  Zunächst ging es in die Türkei und dann über Syrien und die Vereinigten Arabischen Emirate in den Jemen. Dort war ich 26 Jahre die Haus- und Hofzeichnerin auf allen Grabungen der Außenstelle Sanaa / Jemen des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin. Inzwischen arbeitet das „DAI Berlin“ auch in Äthiopien und zwar im selben sabäischen Kulturkreis wie auf der anderen Seite des Roten Meeres. Somit zeichne ich sabäische Funde auch in Äthiopien. 

Viele Menschen interessieren sich für meine Aufenthalte in all diesen exotischen Ländern, besonders aber für meine Tätigkeiten dort: Ich zeichne auf Ausgrabungen die Fundstücke aus jahrtausende alter Erde. Und zwar nur die besten der besten. Diese gebrauchsgraphischen Arbeiten sind Sachzeichnungen.

Mit schöner Regelmäßigkeit kommt als erstes immer die Frage, warum denn all die Fundstücke gezeichnet werden? Genügt da nicht der Fotoapparat?
 
Diese Frage schien vor gut 35 Jahren, als meine archäologische Zeichenarbeit begann, noch nicht so berechtigt gewesen zu sein wie heutzutage. Die Digitalfotografie und der Computer mit seinen raffinierten Grafikprogrammen müssten das doch wenigstens genau so, wenn nicht schneller und besser hinbekommen. So die landläufige Meinung. Und auch die vieler Computerspezialisten. Doch der Informationsgehalt einer wissenschaftlichen Zeichnung geht weit über den einer Fotografie hinaus. Denn sie wird in einer bestimmten Weise „versachlicht“, sodass wissenschaftlich damit gearbeitet werden kann. Sachzeichnungen gehören zu einer archäologisch orientierten wissenschaftlichen Dokumentation. Nur die wertvollen Fundstücke werden gezeichnet. Aber alle werden  fotografiert und zudem auch verbal beschrieben. Mit diesen Dokumenten können dann die Archäologen/Innen ihre Forschungen betreiben.

Ganz kurz möchte ich erklären, dass in erster Linie Bausubstanzen ausgegraben werden. Und innerhalb dieser Areale findet man in der Regel die Fundstücke. Immer viel Keramik, die Gebrauchsware im Altertum für Küche, Fest- und Tempelbereiche, und manchmal ist dann auch ein sogenannter Kleinfund dabei. Das können Zierstücke für den Kult- oder Wohnbereich sein, wie kleine Figürchen aus Fritte oder Kalkstein oder Alabaster, Becher aus Bronze, Öllämpchen, Schmucksteine, Ringe vielleicht sogar aus Gold, Eisenbeschläge, Weihrauchbrenner, wertvoll verzierte Schalen, Rollsiegel, Tonbullen, Webgewichte, Pfeilspitzen, Messerchen aus Obsidian, Spielsteine, Grabbeigaben als Miniaturgegenstände, Bronzemesser, Schriftritzungen auf kleinen Platten, Schminkgefäße, Aahlen aus Fischbein, Perlen aus Achat, Karneol, Bergkristall, Elfenbeinplättchen, Tierstatuetten undsoweiter. Je nach Kulturkreis und Zeitfenster der Ausgrabungsstätte unterscheidet sich die Art der gefundenen Gegenstände.  

All diese genannten Kostbarkeiten werden also nicht nur fotografiert und beschrieben, vielmehr auch gezeichnet. Ebenso werden auch die Profile und das Dekor der Keramik zeichnerisch erfasst – die herausragenden Stücke sowieso – und der ehemalige Durchmesser ermittelt.

Aber nicht einmal bei der vergleichsweise einfachen Keramikzeichnung sind die computertechnischen Ergebnisse für eine Auswertung brauchbar. Die Technik ist bis heute nicht in der Lage, dieselben Informationen, die ein gezeichneter  Gegenstand  vermittelt, zu zeigen.

Warum ist das so? Warum also zeichnen?

Ein Fotoapparat kann nicht denken. Er fotografiert alles auf seine ihm subjektive Weise. Er fotografiert alles, wie er es sieht. Ein einfaches Beispiel: Er kann nicht unterscheiden zwischen Kratzern auf einer Oberfläche und Ritzungen. Mein Auge schon. Er kann keine Schnitte durch ein Stück legen oder Aushöhlungen abtasten. Ich schon. Er kann Bemalungsreste, die nur noch mit einer Lupe gesehen werden oder grelles Mittagslicht  verlangen, nicht erkennen. Ich schon.

Ich behaupte, dass ich im Gegensatz zum subjektiven Fotoapparat, sei er jetzt analog, oder digital, objektiv bin. Ich bin es aber nur deshalb, weil ich um die Dinge WEISS, die mit der Sehfähigkeit meiner Augen zusammenhängen. Ich sehe anders als ich zeichne. Ich zeichne also nicht exakt, was ich sehe, sondern das, was ich exakt abmesse. Und nur das ist für den/die Wissenschaftler/In wichtig, eine maßgetreue Wiedergabe.

Sowohl mein Auge als auch die Fotolinse sehen die naturalistischen Gegebenheiten mit perspektivischer Verzerrung. Ein einfaches Experiment dazu: Strecken Sie Ihre Handfläche bei ausgestrecktem Arm in Gesichtshöhe aus und schauen Sie dabei in einen Spiegel. Die Hand erscheint deutlich größer als ihr Gesicht, in Wirklichkeit ist es aber umgekehrt.

Dieses Phänomen, die perspektivische Verzerrung, kann mein Gehirn ausblenden, wenn ich den zu zeichnenden Gegenstand abmesse und maßstabsgerecht zeichne. Das Fundstück wird also genauestens in Maßgenauigkeit gezeichnet. Alle Einzelheiten werden mit dem Messschieber abgemessen und auf das Papier übertragen. Es entsteht eine technische Zeichnung. Das jeweilige Stück wird von soviel Seiten gezeichnet, immer im 90-Grad-Winkel gedreht, soviel Einzelheiten es gibt. Alle müssen dargestellt werden, jede winzige Beschaffenheit. Vereinfacht kann ich sagen, dass alles so gezeichnet wird, dass man theoretisch dasselbe Stück aufgrund der Zeichnung herstellen könnte.

Ein normales Foto kann also keine Maßgenauigkeit vermitteln. Und die fotographischen Verzerrungen wirken sich auch bei kleinen Gegenständen aus. Da es bei meinen Zeichnungen um angestrebte Zehntelmillimeter-Genauigkeit geht, die dann vielleicht bei einem halben Millimeter landet, muss genau und exakt ausgemessen und genau und exakt wiedergegeben werden. Nun kann der Einwand kommen, dass Fotos digital entzerrt werden können. Das stimmt. Aber der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Und somit auch die Kosten.

Um auf dem zweidimensionalen Zeichenblatt die Illusion einer Dreidimensionalität zu erzeugen, muss ich mit Licht und Schatten arbeiten. Deshalb brauche ich als erstes einen einheitlichen Lichteinfall für jedes einzelne Stück. Ich setze mich also so, dass er von links oben kommt. Aber ich kann mir das inzwischen schon längst auch einfach vorstellen, denn auf Grabungen gibt es nicht immer gute Bedingungen für gute Arbeit, und man muss improvisieren können.

Meine Vorzeichnung ist mit spitzem, harten Bleistift gemacht. Diese „schematische Darstellung“ besteht nur aus den vermessenen Umrisslinien und den Umbrüchen und Kanten innerhalb des Stückes. Die Anordnung des Gegenstandes ist wie bei der Zeichnung eines Maschinenteils. Wenn diese sitzt, beginne ich mit dem Tuschefüller, welcher bald nur noch von einer aussterbenden Spezies, wie mir, verwendet wird, diese Linien umzuzeichnen. 

Dann erst geht es an die Oberflächenstruktur, die ich aus Punkten zusammensetze, vergleichbar mit einem Fotoraster. Und da versachliche ich z.B. Oberflächenfarben, Schatten, Kratzer, indem ich die Fläche homogenisiere, nicht die Form, wohlgemerkt. Ich gehe auf Material und charakteristische Beschaffenheit ein, ob glatt oder porös. Glas stelle ich feinkörniger dar als grobes Eisen, Holz sieht anders aus als Alabaster. Verletzungen reduziere ich und Ritzungen, die schon fast nicht mehr erkennbar sind, hebe ich etwas hervor.

Die dem Licht abgewandten Seiten sind viel dunkler als die erhellten, und es gibt jede Menge Zwischenstufen. Diese Unterschiede erziele ich mit weiterem oder engerem Punkteabstand. Ich zeichne keine geworfenen Schatten; das verunklart die Wahrnehmung einer Plastizität, verwirrt nur. Mit den Punkten gebe ich der Fundzeichnung eine Körperlichkeit, mit der diese komplett definiert werden kann. In der Regel zeichne ich im Maßstab 1:1. Im Druck werden die Zeichnungen meist um ein Drittel verkleinert, damit sie noch plastischer erscheinen. Außerdem ist durch die Darstellung des Objekts mit Strichen und Punkten vor dem Drucken kein Aufrastern nötig, im Gegensatz zu jeder Art von Fotos.

Die ganzen Erfordernisse, was die Entzerrung der Fundobjekte betrifft und die Darstellung der Oberflächenbeschaffenheit, könnte in einiger Zeit, unter Umständen, auch ein Computer leisten können. Das würde aber voraussetzen, dass ein absoluter Computerspezialist die Bearbeitung vornähme, dass derselbe eine ausreichend große Erfahrung besäße und weiß, wie eine archäologische Zeichnung auszusehen hat. Er müsste kleinste Einzelheiten an einem Fundstück erkennen, damit diese auch in der künstlich generierten Zeichnung zu sehen sind. Zudem darf ein gewisses künstlerisches Element nicht fehlen; und zu guter Letzt müssen die Stücke vor Ort gezeichnet werden.

Aber, immer noch ein Aber: Was würde das kosten, wenn der immense Zeitaufwand für die fototechnische Bearbeitung jedes einzelnen Stückes bezahlt werden müsste? Viel bis unbezahlbar. Die bereitgestellten Mittel werden immer mehr beschnitten. Und da die Funde auch noch im Akkord auf den Grabungen gezeichnet werden, um alle aufnehmen zu können, die in der jeweiligen Kampagne gefunden werden, weil zu späterer Zeit eventuell nicht mehr an sie heranzukommen ist, kann ich mir nie und nimmer vorstellen, dass ich in den nächsten 50 Jahren arbeitslos werde.

Doch zurück zu meiner Zeichenarbeit: Je nach den Erfordernissen zeichne ich die Ansichten. Ich lege Schnitte, um das Profil zu verdeutlichen, Ich zeichne Abrollungen von Verzierungen, Schriften oder Ritzungen. Ich zeichne also das, was ich abmesse, kann allerdings durch Hervorheben dieser oder jener Besonderheit etwas verdeutlichen. Ich kann aber auch durch ‚falsches Erkennen‘ eines Details dem Stück einen anderen Sinn geben. Ich könnte z.B. eine Gewandfalte mit einer Waffe verwechseln. Somit könnte die Figurine nur eine männliche Darstellung sein; in Wirklichkeit stellt sie aber eine Frau dar. Also muss ich mich vor Interpretationen hüten. Ich darf nur das abbilden, was ich neutral verstandesmäßig sehe und nicht das, was ich zu erkennen glaube.

Besser ist es, nur eine verbröselte Oberfläche wiederzugeben, als vielleicht einen Schwan zu erkennen glauben. In Wirklichkeit befindet sich auf dem Amulett ein nicht mehr erkennbarer Skorpion und der hat vielleicht eine abwehrende Bedeutung, während mein Schwan vielleicht noch eine Gazelle hätte sein können und die sollte das Jagdglück herbeizaubern.

Dass dieses Ausblenden von Sehgewohnheiten nicht immer ganz funktioniert, ist menschlich. Doch auch eine fotografische Abbildung könnte den Archäologen oder die Archäologin ebenfalls zu einem unobjektivem Hineininterpretieren verführen.

Eine neue Wissenschaft ist die Geomatik, unter anderem eine hervorragende Vermessungstechnik. Mit einem speziellen Programm können auch kleinere Gegenstände digitalisiert werden. Die Umrisse, mit aufwändigem Einrichten, zeigen die Gegenstände exakt. Aber die Oberflächen werden nur vage abgebildet, sodass diese Technik ebenfalls nicht als Ersatz zum Zeichnen verwendet werden kann.

Die ausgegrabenen Flächen, Schnitte genannt, werden ebenfalls fotografiert, aber zudem von Architekten/Innen von Hand steingerecht in ein Raster gezeichnet. Die Arbeit besteht aus der minutiösen zeichnerischen Wiedergabe. Je nach den mehrfolgigen Abtragungen von Erde, Sand, Steinen, werden immer wieder die jeweiligen Schichten dokumentiert. Denn was einmal abgegraben wurde, ist nicht wieder herzustellen. So entstehen Jahrhunderte der jeweiligen Zustände im zeichnerischen Zeitraffer des Ausgrabens.

Sachzeichnungen zeigen, dass sie trotz der Zweckgebundenheit einer gebrauchsgraphischen Arbeit durchaus in der Lage sind, etwas im Betrachter erklingen zu lassen. Und sicher entspringt meine Einstellung FÜR das Zeichnen auch einem gewissen Zweckdenken, denn ich liebe diese Arbeit. Dass auf Grabungen die zeichnerische Dokumentation unersetzbar ist und bleibt, dieser Meinung sind auch alle diejenigen, welche damit wissenschaftliche Studien betreiben. So bin ich´s zufrieden.

Und zu guter Letzt steckt in jedem liebevoll gezeichneten Fund ein winziges Stück Leben, von mir eingegeben, ein Atemhauch Seele, meiner Seele.

Marianne Manda, Kempten / Kairo

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